|
cdrnet knowledge home
[Der Autor ist mir bekannt]
E.T.A Hoffmann - Der Sandmann
Übersicht
In E.T.A Hoffmans Novelle „Der Sandmann“ [SMn], dem ersten Werk aus dem Zyklus
der Nachtstücke, setzt sich der Student Nathanael mit den Ängsten aus seiner
Kindheit und den Gefahren der Gegenwart auseinander. Die Figur Coppelius aus
seinem Albtraum, der ihn seit dem gewaltsamen Tod seines Vaters begleitet,
taucht in der Gestalt des Linsenschleifers Coppola wieder auf und verführt ihn
mit der Hilfe von Spalnzanis mechanischen Menschen Olimpia. Sein Leiden endet
mit einem Sprung von einem Turm.
Hoffmann war einer der bedeutendsten Autoren der Romantik und ist auch heute
noch für seine Kunstmärchen bekannt. Oft zeigt er in seinen Geschichten
„Menschen im Einflussbereich dunkler Mächte“ [DeL,S. 105]. Wie es bei
Romantikern üblich war, versuchte auch Hoffmann eine Welt zu erschaffen, in der
Dinge möglich sind, die normalerweise unvorstellbar währen. Es ist bis zum Ende
des Buches unklar, ob Nathanael unter Wahnvorstellungen leidet, oder ob
Coppelius und/oder Coppola ihn mit raffinierten Tricks zu einem Selbstmord
treiben.
Figuren
Nathanael
Die Hauptperson der Novelle, von tiefer Unsicherheit zerrissen, wankt zwischen
der dunklen Welt von Coppelius und der klaren Welt von Clara. Im Verlauf der
Novelle setzt er sich mit Coppolas und Spalanzanis Geschöpf Olimpia
auseinander, verliebt sich in sie und wird erneut in ein seelisches Tief
gestürzt, als er ihre wahre Natur erkennt. Begeht am Ende Selbstmord (Eventuell
von Coppelius dazu getrieben).
Clara
Die Verlobte von Nathanael, sieht alles sehr klar, sieht das Wahre. Sie ist
einfühlsam, hat einen scharfen Verstand. Immer optimistisch [SMn,S. 15, Z. 13].
Lothar
Bruder von Clara [SMn,S. 19, Z. 5], [SMn,S. 38, Z. 23].
Coppelius / Coppola
Name vom Lateinischen [SMn,S. 47].Figur aus Nathanaels Albtraum, Alchemist
[SMn,S. 48], Wetterglashändler und Optiker mit Fixierung auf Augen.
Spalanzani
Professor der Physik [SMn,S. 47], talentierter Mechanikus und Erschaffer von
Olimpia. Namensgeber hat früher Experimente zur Erschaffung eines künstlichen
Menschen durchgeführt.
Olimpia
Roboter und Geschöpf von Spalanzani, wird als seine Tochter betrachtet. Sie
arbeitet mit höchster Präzision, wirkt aber dadurch nur noch Künstlicher, Nur
das Perspektiv verleiht ihr einen Schein von Leben.
Handlung
S. 3
Die Novelle beginnt mit einem Brief von Nathanael an Lothar, seinem Bruder, in
dem er ihm von seiner Begegnung mit Coppola, dem Wetterglashändler berichtet.
Darin erzählt er von seinen Kindheiterfahrungen mit Coppelius, dem Albtraum vom
Sandmann und dem Tod seines Vaters. Schon dort wird das Motiv der Augen
deutlich gemacht.
S. 12
Der zweite Brief ist Claras Antwort, in der sie versucht, Nathanael zu
beruhigen. Ihr missfällt die Vorstellung von Coppelius, sie glaubt nicht an die
Wirklichkeit der neuen Erfahrung, sondern interpretiert sie als
Wahnvorstellungen, ein Produkt seines eigenen Ichs. Sie bezeichnet den Tod des
Vaters als Unfall [SMn,S. 13, Z 24].
S. 15
Die Antwort von Nathanael an Lothar, in der er erklärt, dass es auch von der
Verschiedenheit von Coppola und Coppelius überzeugt worden ist. Ausserdem
berichtet er ihm von seiner Begegnung mit Olimpia, die ihm seltsam vorkommt.
S. 17
Der Erzähler der Geschichte beschreibt das Schreiben des Buches, so als wenn
er die Geschichte gefunden und nicht erfunden hätte. Alle ihm möglichen Anfänge
für die Geschichte geben nur einen Eindruck wieder, aber durch die Briefe lässt
sich die Tragik besser erahnen. Er erläutert auch noch die äussere Situation
von Nathanael, Clara und Lothar, beschreibt das Aussehen von Clara, ihr
kindliches Gemüt.
S. 20
Nathanael hat sich verändert, er fühlt sich verfolgt von dunklen Mächten, fast
paranoid bezweifelt er die Freiheit der Menschen und führt alles auf höhere
Mächte zurück. Claras Versuche, ihn davon abzubringen, misslingen, immer
stärker verfängt er sich in die „mystischen Schwärmereien“ [SMn,S. 21, Z. 7].
Nathanael schwingt sich in seinen Dichtungen in immer düsterere Ebenen
hinunter, bis er anfängt, von Coppelius und Claras Augen zu Phantasieren
[SMn,S. 22, Z. 25]. Seine Dichtungen werden immer abstruser, von Wahnsinn
gepackt, bezeichnet er Clara als Automaten [SMn,S. 24, Z. 5] und rennt weg. Ein
Duell zwischen Nathanael und Lothar ist die Folge dieser Beleidigung, doch
Clara kann durch ihr Auftauchen wieder Vernunft in die Streithähne bringen.
S. 25
Nathanaels Haus ist niedergebrannt, und der Zufall (oder Coppelius?) will, das
sein neues Zimmer genau gegenüber dem von Olimpia liegt. Ihm fällt auf, wie
starr sie zu ihm herüber schaut, und ist beeindruckt von ihrer Schönheit, ihrem
regelmässigen Wuchs. Ein Besuch von Coppola schreckt ihn wieder aus der neu
gefundenen Ruhe auf, und um ihn los zu werden, kauft er ein Perspektiv, ein
Fernglas, das ihm Olimpias tote Augen unglaublich lebendig erscheinen
lässt[SMn,S. 27, Z. 25]. Nathanael hat das Gefühl, er habe den Kauf zu teuer
bezahlt (mit seinem Verstand?), er kann sich nicht mehr von Olimpias Bild in
seiner Vorstellung trennen.
S. 29
Für Nathanael kommt es wie gerufen, als Spalanzani ein Fest feiern will, bei
dem er zum ersten Mal seine Tochter Olimpia der Öffentlichkeit zugänglich
machen will. Dort wird er durch das Perspektiv immer mehr in ihren Bann
gezogen, so das er Clara langsam vergisst. Seine letzten Zweifel an ihr lösen
sich langsam auf, worüber Spalanzani höchst erfreut ist.
S. 33
Allen ausser Nathanael scheint Olimpia seltsam mechanisch, geistlos, ihre
Augen ohne Sehkraft, doch er ist von ihren Worten beeindruckt, obwohl sie sich
in Konversationen auf ein gelegentliches ``Ach, ach!'' beschränkt. In
ihre Schweigsamkeit interpretiert Nathanael ein sehr poetisches Gemüt. Als er
ihr einen Heiratsantrag machen will, gerät er in einen Streit zwischen
Spalanzani und Coppelius, die um Olimpias Körper kämpfen. Coppelius kann
entkommen, doch Spalanzani, der leidenschaftlich an seiner Kreation hängt, hat
die Augen. Nathanael wird erneut von Wahnsinn gepackt.
S. 37
Der Erzähler berichtet die weiteren Ereignisse: Spalanzani muss die
Universität verlassen, da er die Menschheit mit der mechanischen Puppe betrogen
hat, Coppola blieb verschwunden. Nathanael ist vom Wahnsinn befreit und will
mit Clara, die er zu heiraten beabsichtigt, aufs Land ziehen. Gemeinsam steigen
sie auf einen Turm und als Nathanael sein Perspektiv zum letzten Mal benutzt,
versucht er von Wahnsinn gepackt Clara, die er für eine Puppe hält, zu töten.
Erfreulicherweise kann Lothar sie retten, doch Nathanael stürzt sich in den
Tod, als er Coppelius sieht.
S. 40
Coppelius verschwindet, Clara lebt vermutlich mit einem freundlichen Mann auf
dem Land und hat zwei Kinder.
Interpretation
In diesem Buch gibt es viel zu interpretieren, von den Anspielungen auf die
Augen über Coppola und Coppelius bis zu Olimpia und ihrem Zweck.
Optik
Die Augen sind das Fenster in die Seele, und als solche haben sie eine hohe
Wichtigkeit in der Novelle. Sie tauchen schon zu Anfang auf, als über den
Mythos des Sandmanns gesprochen wird (Mutter, Kinderfrau [SMn,S. 5, Z. 8],
Coppelius [SMn,S. 9, Z. 7]) Die Augen werden für Experimente gebraucht (für
Olimpia [SMn,S. 36, Z. 16]?) Auch die Augen von Olympia sind bemerkenswert,
zuerst sind sie tot und befremdlich [SMn,S. 16, Z. 30], dann wirken sie
Anziehend [SMn,S. 27, Z. 26]. Claras Augen hingegen sind klar und heiter
[SMn,S. 19, Z. 27], [SMn,S. 22, Z. 25].
In Nathanaels Gedicht bedeuten Augen Leben und Tod [SMn,S. 23, Z. 4], seine
Psyche ist fixiert auf sie, er sieht sie auch in Coppolas Brillen [SMn,S. 26,
Z. 24]. In seinen Träumen und auch bei der letzten Begegnung mit Spalanzani
bringen Augen ihn um den Verstand [SMn,S. 36, Z. 18], und auch Coppelius
scheint es bis zuletzt auf Augen abgesehen zu haben [SMn,S. 40, Z. 21].
Auch das Perspektiv hat seltsame Eigenschaften. Es stellt nicht nur die Welt
auf den Kopf, wie man es von so einem primitiven Optischen Werkzeug ohne
Korrektur erwartet, sondern verändert auch die Einstellungen von Nathanael
gegenüber Olimpia [SMn,S. 28, Z. 30], [SMn,S. 30, Z. 21] und später Clara
[SMn,S. 39, Z. 20]. Ist das Perspektiv ein Symbol für die verdrehte Psyche der
Hauptperson?
Traum oder Wirklichkeit?
Mit diesem Element spielt Hoffmann in der Novelle sehr oft, nur selten wird
klar, ob ein Sachverhalt nur geträumt oder wirklich passiert ist. Die
Vorstellungen von Nathanael verschmelzen mit der Wirklichkeit. Der Ich-Erzähler
verstärkt diesen Eindruck noch, behauptet er doch, dass sich alles so
zugetragen hat, wie er berichtet. Aber wie kann diese aussenstehende Person so
genaue Einblicke in den Seelenzustand von Nathanael bekommen?
Hier wird auch deutlich, das es zwei Geschichten in dieser Novelle gibt, was
Nathanael wirklich erlebt hat, ist nicht gezwungenermassen das, was der
Erzähler und Hoffmann in der Geschichte beschreiben, diese Unsicherheit ist
eines der Stilmittel.
Coppola - Coppelius
Coppelius, der Sandmann, der Nathanael in seiner Kindheit so grosse Schrecken
bereitet hat, und Coppola, der Linsenschleifer, der ihm das Perspektiv verkauft
hat, sind diese beiden Personen eine einzige? Es gibt viele Hinweise dafür und
auch dagegen.
Coppelius hat laut Nathanael einen norddeutschen Akzent, Coppola hingegen sei
Piemontese. Auch Spalanzani bestätigt die italienische Herkunft von Coppola,
den er seit Langem kennen will [SMn,S. 16, Z. 2].
Allerdings ist es doch ein sehr eigenartiger Zufall, das Coppola genau dann
Auftaucht, als Coppelius die Stadt verlassen hat [SMn,S. 40, Z. 15]. Noch
deutlicher wird die Identität der beiden Figuren, als Coppola mit der Stimme
von Coppelius spricht [SMn,S. 35, Z. 25], und später Spalanzani, der früher
sogar für Coppolas Glaubwürdigkeit gebürgt hat, ihn mit Coppelius anspricht
[SMn,S. 36, Z. 13].
Olimpia
Olimpia, der künstliche Mensch, erschaffen von Spalanzani und Coppelius, hat
Nathanael getäuscht. Ihr Bau hat etwa zwanzig Jahre benötigt [SMn,S. 36, Z.
16], ein mechanisches Meisterwerk, Menschen zum verwechseln ähnlich. Aber was
war sein Zweck? Der Forschergeist der Alchemisten ist die Antwort auf diese
Frage: Jahrhunderte versuchten sie, die Natur zu erklären und ihren Vorteil
daraus zu ziehen (Gold aus Kohle, Stein der Weisen, Trennwasser, Homunkulus
[SMn,S. 48, mitte]). Bereits in der Kindheit hatte Nathanael Erfahrungen mit
diesen Experimenten gesammelt [SMn,S. 8, Z. 27].
Die Stilepoche der Romantik ist geprägt von der Flucht aus dem Alltäglichen,
vor der Dessilusionierung des Alltags [DeL,S. 98](Napoleon). Die künstliche
Welt der Phantasie erlaubte es den Menschen, sich von den Fesseln des Alltags
zu lösen und seine Grenzen aufzulösen, ganzheitliches Denken ist wichtig. Die
Vollendung wird nur noch im Imaginären möglich.
In der eher philosophisch geprägten Frühromantik wurde versucht, das Dasein
durch die Poesie neu zu gestallten. Das Diesseitige und das Jenseitige sollten
vereint alle Lebensbereiche durchdringen. (Novalis aka. Fredrich von
Hardenberg)
Die mittlere Romantik wurde von der Dichtung selbst beherrscht, vor allem die
volkstümlichen Dichtungen waren beteiligt. (Gebrüder Grimm)
Die Spätromantik besass vermehr religiöse Züge, die Abgründe des menschlichen
Seins, sein Kampf mit den dunklen Mächten wurden wichtiger. (E.T.A. Hoffmann)
Märchen sind ein häufiges Ausdrucksmittel der Romantik. Volksmärchen zeichnen
sich durch einfache Strukturen aus, die Hauptperson ist meistens von der
Gesellschaft benachteiligt und findet im Laufe der Geschichte ihr Glück durch
die Phantasie. Auch wenn sie oft nachbearbeitet wurden, liegen ihre Wurzeln im
Volk. Kunstmärchen hingegen zeichnen sich durch einen individuellen Stil des
Autors aus, hier spielen nicht mehr die unteren sozialen Schichten die
Hauptrolle, sondern allgemeine soziale Probleme. Die Traumwelten sind der Ort,
an dem Glück fassbar wird, die Realität hingegen nur Ort des Scheiterns.
Die Gattungen verschmelzen, Novellen und Märchen werden zu einer Mischform.
E.T.A. Hoffmann ist einer der bedeutendsten Autoren der Spätromantik, seine
Kunstmärchen wie „Der Sandmann“ sind sehr erfolgreich. Lyrik gilt als magisch,
oft müssen Zaubersprüche gefunden werden, in jedem Wort steckt Magie.
References
[SMn]
E.T.A Hoffmann, Der Sandmann, Reclam, 1991, ISBN 3-15-000230-3.
[DeL]
Winfried Freund, Deutsche Literatur, Dumont, 2000, ISBN 3-7701-4747-2.

This work is licensed under a
Creative Commons Attribution-Noncommercial 2.5 License.
|